„Microsoft lief Gefahr, durch den technologischen Fortschritt bedeutungslos zu werden.“
Brad Silverberg, bis 1999 Mitarbeiter bei Microsoft

Wir befinden uns im Jahre 1990. Das World Wide Web steckte wahrlich noch in den Kinderschuhen, es war die Zeit des HTML 2.0-Standards. Abwechslungsreiche Formatierungen waren gänzlich unbekannt, die damaligen Nutzer des Internets kamen aus der Industrie. Nur wenigen war das Potential dieses Info-Pools bewusst und keiner kam auf die Idee, das Web für Multimedia zu nutzen und Inhalte für den privaten User bereitzustellen. Die Browser dieser Zeit hießen ViolaWWW und NCSA Mosaic. Es waren die ersten ihrer Art, die neben Text auch Bilder anzeigen konnten, ohne diese extra zu laden.
Diese mageren Voraussetzungen waren nicht sehr komfortabel zu nutzen und verhalfen nicht zum Durchbruch des Internets. Das sollte sich in diesem Jahr schlagartig ändern. Die aufstrebende Softwareschmiede Netscape Communications werkelte an einem Browser, der neben den bisher verfügbaren einfachen Websites auch Tabellen, Frames und wesentlich mehr Farben darstellen konnte. Der Netscape Navigator war geboren. Er bestand im Prinzip aus den alten Codezeilen des NCSA Mosaic und war in der ersten Version auch nicht besonders komfortabler. Das sollte jedoch bald ändern als neue Scripte erschienen und Multimedia ein Thema wurde.
Netscape Communications war eigentlich ein Hersteller für Server und deren Zubehör. Der Netscape Navigator wurde deswegen auch benutzt um die Nachfrage der eigenen Produkte zu steigern. Das funktionierte sehr gut und der Marktanteil des Browsers lag 1995 bereits bei 80 Prozent, was auch an der kostenlosen Verbreitung liegen dürfte. Die Entwickler portierten das Programm zu diesem Zeitpunkt auf viele Plattformen wie Linux und Mac OS. Viele Erweiterungen wie HTML-Editoren, E-Mail-Clienten und Messenger-Programme sorgten für weiteren Aufschwung, was den Börsengang von Netscape Communications zur Folge hatte.
Und Microsoft? Die bemerkten natürlich die Entwicklung von Netscape, schenkten dem Internet jedoch nach wie vor keine Beachtung. Das änderte sich in diesem Jahr schlagartig als Bill Gates bekanntgab, ebenfalls einen Browser zu entwickeln. Diese Wendung der Denkweise beruhte auf der Tatsache, dass der Netscape Navigator mit zahlreichen Programmier-Schnittstellen, sogenannten APIs aufwartete. Durch die Verbreitung auf anderen Plattformen, war es kreativen Entwicklern möglich, eigene Anwendungen zu schreiben und den Browser als Middleware zu benutzen – eine ernsthafte Gefahr der Windows-Vormachtstellung drohte.
Microsoft reagierte und der Internet Explorer erschien. Anfangs basierte dieser auch auf der NCSA Mosaic-Engine, wurde jedoch in Windeseile erweitert. Bill Gates schaufelte jährlich 100 Millionen Dollar in die Bereiche Entwicklung und Marketing. Begann das Team im Jahr 1995 mit 6 Mitarbeitern, waren es vier Jahre später bereits 1000. Soviel Angestellte beschäftigte Netscape nicht seit Firmengründung. Dieser Vorteil der Manpower verhalf Microsoft allerdings noch nicht zum Durchbruch. Der Internet Explorer war zu dieser Zeit noch Bestandteil des Erweiterungspaketes Microsoft Plus! für Windows und damit noch kostenpflichtig.
Zum Erfolg wurde der Internet Explorer erst, als die Version 4.0 mit dem Betriebssystem Windows 95 “vereinigt” wurde. Davor wurde die Version 3.0 auch schon mit dem älteren Windows 3.1 im Bundle ausgeliefert, die bedingungslose Integration des Browsers folgte allerdings erst mit dieser Version. Das bedeutete auch, dass der Internet Explorer nicht so ohne weiteres deinstalliert werden konnte, da er ein Teil des Betriebssystems war. Nun begann die Aufholjagd von Microsoft und Netscape schwebte in Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten. Mit Erweiterungen für Online-Banking und Webshopping sollte der Netscape Navigator die Nummer 1 bleiben.

Diese Maßnahmen reichten zum Erhalt der Marktführerschaft, in die Netscape immer noch bedingungslos vertraute, nicht aus. Der Internet Explorer von Microsoft setzte sich durch. In dieser Zeit sank der Marktanteil des Netscape Navigators auf unter 4 Prozent, während das Pendant von Bill Gates noch über 90 Prozent erreichen sollte. So kam es dass Netscape Communications im Jahre 1998 von AOL gekauft wurde. Der Quellcode des Browsers wurde als Open-Source im Internet veröffentlicht und viele ehemalige Entwickler konnten nicht mehr beschäftigt werden.
Gegen Microsofts aggressives Marktverhalten drohten viele Konkurrenten mit Klagen, die fast ausschließlich außergerichtlich gegen hohe Zahlungen beigelegt wurden. Allein Netscape erhielt 750 Mio. US-Dollar. Da der Internet Explorer nun unangefochtene Nummer 1 war, wurde er kaum noch weiterentwickelt. Ein Versäumnis, das sich bald als Fehler herausstellen sollte. Die damalige Non-Profit-Gesellschaft Mozilla Foundation fischte den Code des Netscape Navigators aus dem Web und begann mit den Kenntnissen, einen eigenen Browser zu entwickeln. Doch es sollte noch bis 2003 dauern bis der Firefox veröffentlicht wurde. Der zweite Browserkrieg begann.
“Der Funktionsumfang von Mosaic entsprach in etwa dem Funktionsumfang des Internet Explorers von 2003. Er war nicht identisch, aber sehr ähnlich.”
Jakob Nielsen, Experte für Benutzerfreundlichkeit im Internet